20 Jahre Eschede

20 Jahre Zugkatastrophe Eschede - Die Erinnerung bleibt...

Am 3. Juni 1998 entgleiste der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen". Bei der schlimmsten Bahnkatastrophe der Bundesrepublik starben über hundert Menschen. Die Überlebenden kämpfen mit den Folgen bis heute.


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Er war vor 20 Jahren der Einsatzleiter - Gerd Bakeberg (Foto:Antenne Niedersachsen)

"Ich gehe öfter mit meiner Frau hierher, um nach dem Rechten zu schauen", sagt Gerd Bakeberg. Er steht unter einem der 101 Kirschbäume direkt an den Gleisen. Alle paar Minuten rauscht ein Zug an der Gedenkstätte in Eschede vorbei. Ein Geräusch, das unweigerlich Erinnerungen wachruft.

Bakeberg war damals als Einsatzleiter dabei. Vor 20 Jahren passierte an dieser Stelle das Unfassbare. Der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" entgleiste und kollidierte mit einer Brücke. Wie eine Ziehharmonika wurden Waggons zusammengequetscht.

Bei der schlimmsten Zugkatastrophe der Bundesrepublik kamen 101 Männer, Frauen und Kinder ums Leben.

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 (Foto: picture alliance / Ingo Wagner/d)

Am Sonntag den 3. Juni werden die Angehörigen, die Überlebenden und die Helfer wieder zusammenkommen, um der Toten zu gedenken. Auch Udo Bauch wird mit dabei sein. Der 50-jährige stieg damals am Bahnhof Fulda als kerngesunder junger Mann in den ICE Nr. 884 ein und wachte als gezeichneter Mensch in der Medizinischen Hochschule Hannover wieder auf.

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Udo Bauch vor seiner Kapelle im heimischen Garten (Foto: Antenne Niedersachsen)

Udo Bauch ist seit dem Unfall schwerbehindert, mehr als zwei Wochen lag er im künstlichen Koma. Die Ärzte kämpften um sein Leben. Er selbst musste nach der Entlassung ebenfalls kämpfen, um wieder ins Leben zu finden. Sein linkes Bein zieht er nach. Den Arm trägt er angewinkelt am Körper. Schuhe binden oder das Zuknöpfen von Hemden geht nicht mehr so einfach von der Hand. "Immer wieder plagen mich starke Schmerzen", sagt er. Und das nicht nur physisch sondern auch psychisch. Seine Familie hat ihm dabei geholfen, die Folgen der Zugkatastrophe zu bewältigen. Udo Bauch hat zudem ein Buch geschrieben, um das Erlebte zu verarbeiten. Und nicht nur das. In seinem Garten hat er eine Kapelle gebaut – "aus Dankbarkeit", sagt der gläubige Christ.


Spezial: Eschede - eine Erinnerung, die nie vergeht

Antenne Niedersachsen Reporter Niels Kristoph hat sich mit Überlebenden und Helfern von damals getroffen. Die Erinnerungen von damals sind nicht verblasst. Das "Antenne Niedersachsen Spezial" in drei Teilen:

Eschede - eine Erinnerung, die nie vergeht
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Eschede darf nicht vergessen werden

Gerd Bakeberg hat damals als Kreisbrandmeister in Celle die Rettung koordiniert. Weit über tausend Helfer waren in Eschede im Einsatz. Viele haben noch heute mit den schrecklichen Bildern zu kämpfen. Verletzte die unter Trümmern um Hilfe rufen, überall mussten Tote und Leichenteile geborgen werden. Notfallseelsorger und Psychologen kümmerten sich damals um die traumatisierten Retter. "Ich habe funktioniert" erinnert sich Bakeberg. Für viele Tage, dann brachen die Emotionen durch und er musste weinen. "Da musste was raus. Das war eine Erleichterung", sagt er heute.

Eine lange, steile Treppe führt in den Kirschgarten. Gerd Bakeberg und Udo Bauch werden hier am Sonntag auf viele andere Angehörige und Retter treffen - auch auf den Chef der Deutschen Bahn. Vielleicht werden dort Wunden wieder aufreißen - oder "das gemeinsame Erinnern kann helfen, Wunden für eine gewisse Zeit wieder zu schließen", hofft Bakeberg.

Erinnern wollen sie auf jeden Fall. Opfern und Helfern ist eines wichtig: Eschede darf nicht vergessen werden.


Hintergrund: Die Unglücksfahrt von ICE 884

Es ist das schwerste Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik. Es ist Mittwoch, der 3. Juni 1998.

10.35 Uhr: Ohne erkennbare Komplikationen fährt der aus München kommende ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" in Hannover Richtung Hamburg ab. Etwa 300 Menschen sind an Bord.

10:56:24 Uhr: In Wagen 1 bricht bei knapp 200 km/h der Radreifen. Binnen einer halben Sekunde verkeilt sich das Stahlteil im Radkasten. Ein Ende durchschlägt den Wagenkasten und wölbt den Fußboden unter zwei Sitzen im Wagen 1 auf. Zunächst rollt der Zug aber noch stabil - nunmehr auf der bloßen Radscheibe.

10:59:08 Uhr: Der Zug fährt über eine Weiche unmittelbar vor Eschede. Der herunterhängende Radreifen erfasst das 7,20 Meter lange Teil einer Schiene und reißt es mit sich, das mitgerissene Metall zerbricht. Die beiden Stücke bohren sich in Wagen 1 und den Durchgang zu Wagen 2. Ein erster Radsatz entgleist nach rechts. Der Zug erreicht eine weitere Weiche. Sie wird aus ihrer Befestigung gerissen. Alle nachfolgenden Räder haben keine Führung mehr, sie setzen auf Schwellen auf. Der hintere Zugteil bricht nach rechts aus.

10:59:13 Uhr: Die Kupplung bricht zwischen drittem und viertem Wagen.
Der dritte Waggon prallt gegen die Rebberlaher Brücke in Eschede. Sein hinterer Teil wird zerfetzt, der Rest des Wagens fährt mit den ersten Waggons weiter. Wagen 4 schleudert in eine Böschung.

10.59:21 Uhr: Der entgleiste hintere Teil des Zuges prallt gegen die Brücke. Sie stürzt über Wagen 5 ein. Die folgenden Waggons 6 bis 12 werden an der Brückenböschung zu einem Trümmerhaufen zerquetscht.

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 (Foto: picture alliance / dpa)